Freiwillige und unfreiwillige Müller

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Steineschärfen in der Windmühle Hedeper, Schablone für Schärfen anfertigen © Rüdiger Hagen.
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Windmühle Hedeper, Hauptfurchen im Bodenstein neu eingearbeitet © Rüdiger Hagen.
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Rüdiger Hagen und Hans-Michael Altemüller vor der Kalkarer Windmühle, © Gabriele Mohr 2016.

Gedanken über die Müllerausbildung der MVNB

Im September 2018 begann zum zweiten Mal eine Ausbildung zum „Freiwilligen Müller“ der Mühlenvereinigung Niedersachsen-Bremen e.V. im Raum Wolfenbüttel, nach dem die erste dieser Art hier von 2005 bis 2006 durchgeführt worden war, danach aus verschiedenen Gründen lange Zeit keine weitere Ausbildung hier folgte.

Die jüngste Ausbildung endete am 27. 10. 2019 mit der praktischen Prüfung an der Bockwindmühle Dettum und leider auch, übrigens zum ersten Mal, mit einer Beschädigung der Mühle. Ich muss es nur kurz anmerken, dass diese Ausbildung von Beginn an auf Grund verschiedener Tatsachen nicht unbedingt motivierend begann, dabei werden mir die „Auszubildenden“ wohl beipflichten. Wer mit irgendwelchem Verhalten nun für die unpositive Seite der Ausbildung gesorgt hat, darüber gibt es sicherlich unterschiedliche Meinungen, aber die Auswertung der Geschehnisse sollte zu einen anderen Zeitpunkt noch einmal gezielt erfolgen. Wichtig ist momentan, dass die Frage der finanziellen Schadensübernahme für den engagierten Mühlenverein Dettum geklärt wird und die Mühle noch zeitnah vor den Winterstürmen repariert werden kann. Nach dem dieser Prüfungstag ein nicht so gutes Ende mit Schaden an der Mühle und unnötigen Diskussionen fand, habe ich am Montag darauf schriftlich die Einstellung meiner Tätigkeit als Ausbilder für die Freiwillige Müllerausbildung bei der MVNB erklärt. Gleichzeitig hat mir der Prüfer Gero Müller von der BWM Dudensen (wir beide sind seit etlichen Jahren ein gutes Team) erklärt, dass auch er nicht mehr für Prüfungen bereitstehe. Ich verstehe ihn da sehr gut.

Einige Dinge möchte ich nun anmerken.
Wenn eine Ausbildung zum „Freiwilligen / Ehrenamtlichen / Diplom-Windmüller oder wie sie auch immer heißen mag, angeboten wird, muss das Ziel klar definiert sein. In den „Zertifikaten“ der MVNB steht z. B. „Er / Sie ist in der Lage eine Mühle fachgerecht zu betreiben“. Was bedeutet DAS? Im Klartext je nach Auslegungssache NICHTS oder Er / Sie kann eine Mühle welcher Art auch immer, egal ob Handmühle, Küchentisch-Haushaltsmühle, Windmühle, Industriemühle oder hochmodernes Kraftfutterwerk bedienen, nach 160 Schulstunden Ausbildung! Da frage ich mich, warum wir (unfreiwillige oder gezwungene, um den Gegenwortlaut zu freiwilligen Müllern zu finden) Berufsmüller, bzw. Müllerei- und Mühlenbautechniker so lange lernen oder studieren mussten. Ach ja, Entschuldigung, für uns wurde ja die Berufsbezeichnung „Verfahrenstechnologe im Getreide- und Mühlengewerbe bzw. Mischfuttergewerbe“ eingeführt.

Ich selbst habe den allerersten Kurs der MVNB von 1995 bis 96 unter der Regie des Mühlenvereins Hahnentange / Westrhauderfehn und der VHS Leer als theoretischer Ausbilder mitbegleitet. Damals nannte man die Absolventen noch „Freizeitmüller“ und es waren 26 Teilnehmer. Der Kurs war sehr praxisbezogen, da ein gelernter Mühlenbauer (Richard Kluin) die Praxis durchgeführt hat, u. a. eine noch gewerblich arbeitende Windmühle (Stapelmoor) Kursteilnehmerinnen / Teilnehmer stellte und der Kurs eine Art Pionierwerk war. Alle Prüflinge haben eine Art Berichtsheft geführt und als Zulassung zur Prüfung eine Abschlussarbeit zu einem bestimmten Thema erstellt. Im Vergleich zu den niederländischen Kursen zum „Vrijwillig Molenaar“ war die Kursdauer geringer und von Beginn an zeitlich eingegrenzt. Dass ist eines der Probleme, die ich sehe. In den Niederlanden meldet sich eine Teilnehmerin / ein Teilnehmer zu einem Kurs an und sucht sich eine Ausbildungsmühle. Die Zeit, die sie / er dort verbringt, kann sie / er sich halbwegs selbst einteilen. An den Intervallen, wie häufig die Person an der Mühle mithilft, sieht der ausbildende Müller dessen Interesse. Wenn der Ausbilder die Person für reif hält, teilt er ihr mit, dass sie sich zur Prüfung melden kann. Das bedeutet, der Ausbilder alleine beurteilt, ob die Person in der Lage ist, eine Mühle zu betreiben, nicht das erfüllte Soll von 160 Schulstunden. Ein wesentlicher Unterschied zur Ausbildung der MVNB! Aber deshalb wurden in den Niederlanden auch bislang nur annähernd so viele „Freiwillige Müller“ ausgebildet wie in Niedersachsen, und dass in 50 Jahren, nicht in 23! Die niederländische Art der Ausbildung wird ja seit einiger Zeit auch in Deutschland erfolgreich praktiziert, z. B. an der Britzer Mühle in Berlin oder an den Windmühlen in Kalkar und Gildehaus. Zu den 3 Mühlenvereinen habe ich guten Kontakt und muss sagen, dass die Ausbildung dort zwar länger dauert (ca. 2 Jahre), aber sehr praxisbezogen ist. Dann bezieht sich die Ausbildung dort auf eine einzige individuelle Mühle, wenngleich auch andere Mühlen besucht werden. Daher erhalten die Teilnehmer nach erfolgreicher Prüfung ein Zertifikat, worin steht, dass sie die bestimmte Mühle betreiben dürfen, nicht aber in der Lage sind, pauschal jede Mühle zu bedienen. In über meine Firma angebotenen Ausbildungen für ehrenamtliche Müller etwa 2007 in Werder / Havel, 2010 / 11 und 2016 / 17 in Wettmar sowie 2015 / 16 in Steinhude habe ich auch Einzelausbildungen für die einzelnen Mühlen durchgeführt. Nun etwas zu den Prüfungen: Ich habe die erste Prüfung und auch die zweite und dritte bei der MVNB und der VHS Leer miterlebt. Da stand die praktische Bedienung der Mühle hoch an, auch wenn „in der Gruppe“ geprüft wurde. Bei meinen „über die Firma“ gelaufenen Ausbildungen stand immer die Praxis im Vordergrund, dass hieß, in höchstens Zweiergruppen die Mühle abrüsten, In-Betrieb-setzen, Bremsen, Abrüsten in der Grundausbildung und für angehende Mahlmüller (diese Kurse habe ich als Zusatzausbildung angeboten) Einstellen des Mahlgangs oder Walzenstuhls, mahlen mit beiden, Sichten, Beurteilen der Roh- und Endprodukte, Erklären der Arbeitsabläufe an Hand von Vermahlungsdiagrammen. So war ja auch die Prüfung in Dettum völlig praxisnah abgelaufen, wenn auch ohne Mahlen, denn das soll ja leider bei der MVNB in der Prüfung nicht annähernd thematisiert werden. Einen wesentlichen Teil der Prüfung bei der MVNB macht die Theorie aus. Dafür kann man, wie sich jetzt in Dettum / Erkerode zeigte, einen guten halben Tag einplanen. Dass etliche Fragen auf dem angebotenen Ausbildungsordner und damit Mühlen nordwestniedersächsischer Herkunft basieren führt natürlich in den übrigen Regionen mehr oder weniger zu Begriffsschwierigkeiten. Wenn ich in unserer Region einen altgedienten Berufswindmüller nach „Luurgats“, „Tackrad“, „Bummelrien“, „Hookstielen“ oder Ähnlichem frage, zuckt er nur mit den Schultern!
Es sind viele „Baustellen“, welche die Ausbildungen der „Freiwilligen Müller“ bei der MVNB noch meistern müssen, wie die Vergangenheit gezeigt hat. Über die jetzige Struktur dieser Ausbildung muss deshalb mehr als grundlegend nachgedacht werden. Für mich ist momentan eine Ausbildung nach „niederländischem Muster“ die sinnvollere, da absolut praxisbezogen und individuell. Ich persönlich möchte solche Situationen, wie sie sich bei der Prüfung am 27.10.2019 in Dettum abgespielt haben, nicht mehr erleben, und habe darin meinen Rücktritt von der Ausbildertätigkeit bei der MVNB begründet.


Glück zu, Rüdiger Hagen, 17.11.2019

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